Abirona 2020 – Schulabschluss während der Pandemie

Anfang 2020 haben die diesjährigen Abiturient*innen vermutlich nicht damit gerechnet, dass sie Mitte März schon nicht mehr in den Schulen sein würden. Es wurde mit der Klausurvorbereitung begonnen oder Arbeit in die Planung von Mottowoche und Abiball gesteckt – nun steht das Stattfinden dieser Ereignisse noch in den Sternen. Und auch in Bezug auf die Abiturprüfungen selbst gab es in den vergangenen Wochen viel Unklarheit. Von Prüfungsausfall bis Durchschnittsabitur waren die verschiedensten Möglichkeiten zum Umgang mit der ungewohnten Situation im Gespräch. Besonders der von zwei Hamburger Abiturient*innen in Form einer Petition geäußerte Vorschlag sorgte für viel Aufsehen.

Abi 2020 Umdenken: Durchschnittsabitur – schwierige Zeiten erfordern moderne Problemlösungen

so der Titel der Petition von Paul Gringel und Filippa Steffens.

Auf dem Internetportal „change.org“ haben mittlerweile fast 125.000 Menschen (Stand 27.03.2020) die unter anderem an Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtete Petition unterschrieben. Sie sagen „nein“ zu den Abiturklausuren 2020 und fordern stattdessen ein Durchschnittsabitur, dass sich aus den bisherigen Semesterergebnissen berechnen lässt. Warum? Sie finden, dass Abiturklausuren momentan aus gesundheitlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Gründen nicht vertretbar sind.

In der Erläuterung der Petition wird das hohe gesundheitliche Risiko der Prüfungen dargestellt. Der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Prüfungsort, der Fakt, dass COVID-19 auch auf Oberflächen überleben kann sowie übertragbar bleibt und das Zusammenkommen der Schüler*innen an sich werden als problematisch beschrieben, weil die Ausbreitung des Virus so gefördert wird.

Außerdem wird von Angst und Existenznot in den Familien berichtet. Eine Stimmung, die keine zielführenden Klausurvorbereitungen zulasse. Auch von technischen Problemen beim Online-Unterricht sowie mangelnder Kommunikation zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen ist die Rede.

Nichts ist wie zuvor!

ist ein hervorstechendes Statement der Petition.

Zuletzt werden noch Beiträge, die die jungen Menschen gerade zuhause leisten, aufgezählt. Beispiele sind kleine Geschwister beschäftigen, mit den Großeltern facetimen, einkaufen gehen, Dinge organisieren und Eltern sowie Nachbarschaften unterstützen. Und natürlich für die Prüfungen lernen, obwohl sie bevorzugt an kreativen Projekten wie dem Hackathon der Deutschen Bundesregierung „WirVsVirus“ teilnehmen würden, die der Gesellschaft nützen. Dafür sei aber keine Zeit mehr.

Keine Abitur-Klausuren in 2020!

fordern die Unterzeichner*innen der Petition.

Stattdessen soll es ein Durchschnittsabitur und bei Wunsch nach Verbesserung der eigenen Note noch mündliche Prüfungen per Online-Videocall geben, um so persönlichen Kontakt und potentielle Infektionen zu verhindern. Einen weiteren Grund stellt die verschärfte soziale Ungleichheit dar – so die GEM (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft). Die Wohnverhältnisse und damit verbundenen digitalen Möglichkeiten variieren von Haushalt zu Haushalt stark, weshalb Online-Unterricht weit von Chancengleichheit entfernt sei.

Einige der Beispiele, die die Schüler*innen aufführen, lassen einen dennoch stutzig werden: Telefonieren sie sonst nicht mit den Großeltern, so dass dies während der Pandemie auf einmal zu einer zeitaufwändigen Tätigkeit wird? Außerdem fällt der Schulalltag weg – dazu gehört neben dem Unterricht auch der Schulweg, Freistunden, etc. Und aufgrund der Notwendigkeit sozialer Distanzierung, deren Wichtigkeit auch in der Petition betont wird, fallen auch einige Hobbys, Treffen mit Freund*innen, etc. weg. Schulaufgaben gibt es natürlich dennoch und Solidarität, einer der wichtigsten gesellschaftlichen Grundwerte, rückt momentan nochmal etwas mehr in den Vordergrund, weshalb sich einige Jugendliche als ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer*innen engagieren, aber genauso wie neue Tätigkeiten hinzukommen, fallen andere weg. Diese Veränderungen erfordern eine Umstellung, aber man kann nicht voraussetzen, dass es nun für alle Schüler*innen so viele neue Aufgaben gibt, dass die Zeit für Abiturvorbereitungen nicht ausreicht. Die psychische Belastung hingegen sollte nicht unterschätzt werden: Wenn Eltern beispielsweise in Kurzarbeit müssen, bekommen die Jugendlichen selbstverständlich auch etwas davon mit. Und die Unklarheit der Situation verlangt der Gesellschaft allgemein viel ab.

Der Vorschlag der Kulturministerkonferenz, die Prüfungen bei Notwendigkeit um einige Wochen zu verschieben, der zum Beispiel in NRW angenommen wurde, reicht den Jugendlichen nicht. Auch wenn durch den Beschluss, die Prüfungen ansonsten planmäßig stattfinden zu lassen – solange dies keinen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz darstelle – etwas mehr Klarheit herrscht, wollen sie ihre Forderung nicht aufgeben.

Wir kämpfen weiter! Jede Schülerin und jeder Schüler (deutschlandweit) erhält in diesem Jahr ein sogenanntes Durchschnittsabitur.

bleibt die einzige Lösung, die sie für tragbar halten.

Worauf die Erläuterung der Petition jedoch vorerst keine Antwort liefert, ist, was in Bundesländern wie Rheinland-Pfalz geschehen soll, die beispielsweise schon Anfang des Jahres Abitur geschrieben haben. Auch in Hessen sind die Prüfungen momentan schon laufend. In Deutschland ist Bildung Länder- und nicht Bundessache. Abgesehen von der Kultusministerkonferenz, die sicherstellen soll, dass die Länder in etwa auf einem Stand sind, bestehen keine Absprachen. Die Gymnasiast*innen fordern dennoch: Es muss nun deutschlandweit gleich gehandelt werden. Die bereits abgelaufenen Prüfungen könne man zwar nicht rückgängig machen, aber den Betroffenen die Entscheidung überlassen, ob diese gewertet werden, wird einem Interview hinzugefügt.

Kritiker*innen hingegen merken an, dass das Abitur den Ruf eines Abschlusses zweiter Klasse hätte, da zwar in der Oberstufe bereits Leistungen erbracht worden sind, aber die finalen Klausuren nun einmal nicht mehr gemeistert werden müssten. Schleswig-Holstein hat – bisher im Gegensatz zu den anderen Ländern – beschlossen, die Prüfungen abzusagen. Auch über Fairness wurde diesbezüglich diskutiert.

Einen wichtigen Punkt sprechen die Abiturient*innen aber an: Zwei Meter Abstand gelten als notwendige Maßnahme, um die Tröpfcheninfektion zu verhindern – dies müsste bei den Klausuren sichergestellt werden. Der Höhepunkt der Pandemie liegt laut Expert*innen noch in der Zukunft und es ist kein Geheimnis, dass steigende Erkrankungen eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem darstellen würden.

Quelle Beitragsbild: pixelio.de