Gefahr auf vier Pfoten? – Vom Mythos der Virus übertragenden Haustiere

In Zeiten von Corona kursieren in den sozialen Medien Schreckensgeschichten über eine gestiegene Zahl an ausgesetzten oder abgegebenen Haustieren. Viele Menschen haben angeblich Angst, dass ihre geliebten Vierbeiner das Virus übertragen. Die Tierheime seien deshalb überfüllt – darüber äußern sich etliche Tierliebhaber*innen beispielsweise auf Twitter empört. Dabei fallen auch Beleidigungen den vermeintlichen Unmenschen gegenüber. Lisa-Marie Fritsche hat das Tierheim Minden (Westfalen) besucht und nachgefragt, wie die Lage dort zurzeit wirklich ist und ob Tiere wirklich potentielle Überträger sind.

AN ALLE ARSCHLÖCHER, DIE IHRE HUNDE UND KATZEN WEGEN DEM CORONAVIRUS IM TIERHEIM ABGEBEN!!! SCHÄMT EUCH!!! ICH WÜRDE EHER STERBEN ALS MEINEN TREUEN GEFÄHRTEN WEGZUGEBEN!!! WAS FÜR MENSCHEN SEID IHR?! EUCH SOLLTE MAN…

Dieser Tweet vom 19.03.2020 bekam fast 1000 Likes und wurde mehrfach retweetet.

In den Antworten äußerten sich einige Menschen ähnlich: „Hunde sind die treusten Gefährten, die man haben kann. Wer seinen Hund abgibt wegen Corona sollte sich echt zum (Totenkopf Emoji) legen“. So einen Tonfall habe ich in den letzten Wochen leider nicht selten mitbekommen – und zwar nicht nur online. Auch Nachbar*innen sprachen mich darauf an, dass unser Tierheim in Minden ebenso überfüllt sei. Ist es momentan wirklich so schlimm? Ich will mir ein Bild vor Ort machen.

Als ich im Tierheim Minden ankomme, wird mir schnell klar: Von Überfüllung ist hier weit und breit nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: „Bei uns wurde kein einziges Tier wegen der Coronavirus-Krise abgegeben“, stellt Tierheimleiterin Sabrina Driftmann klar. Sie sitzt entspannt im Campingstuhl, möchte mir erstmal etwas zu trinken anbieten. Dass das Mindener Heim kein Sonderfall ist, versichert sie mir ebenfalls – sie steht über WhatsApp in Kontakt mit Mitarbeiter*innen weitere Tierheime in der Region. Auch da gab es kaum oder keine neuen Tierheimbewohner im Zusammenhang mit Corona. Auch sonst kann man nicht von Überforderung oder einer angespannten Situation vor Ort sprechen. „Für die Tiere hat sich kaum etwas verändert. Wir knutschen trotzdem noch mit den Tieren und streicheln sie, denn sie stellen keine Gefahr da“, erzählt Driftmann. Letzteres bestätigt auch das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf seiner Website und bezieht sich dabei auf Informationen der Weltgesundheitsorganisation: „Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass Hunde oder Katzen eine Rolle bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 spielen.“ Bei Katzen gibt es zwar Coronaviren, aber es handelt sich um die Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) und die hat mit SARS-CoV-2 nichts zu tun.

Die Mensch-zu-Mensch Übertragung bleibt also ausschlaggebend für die Verbreitung bei der Coronavirus-Pandemie und auch für die Veränderungen im Tierheim. Man habe zwar nicht mit zu vielen neuen Tieren zu kämpfen, aber mit wesentlich weniger Besucher*innen, denn Sommerfest und andere Veranstaltungen müssen abgesagt werden und offiziell ist das Tierheim geschlossen. Von finanziellem Druck kann man also sprechen, denn das Tierheim nimmt bei solchen Events eigentlich Spenden ein. Sabrina Driftmann nimmt die Situation hin: „Da müssen wir nun eben durch“. Und es gibt ja auch positive Entwicklungen. Momentan würden sich lediglich ernsthafte Interessent*innen melden, die sich online schon über ein bestimmtes Tier informiert haben. Es kommen also keine Menschenmassen wie an vielen Samstagen vor der Pandemie, an denen etliche Familien einen Ausflug ins Tierheim machten, um dieses zum Streichelzoo umzufunktionieren. So haben die Mitarbeiter*innen viel mehr Zeit für Vermittlungen und die Tiere selbst.

Natürlich werden gelegentlich trotzdem Tiere abgegeben, aber mit den typischen Begründungen, erzählt Sabrina Driftmann darüber hinaus. Das Coronavirus scheint dabei keine Rolle zu spielen, sondern meistens bringen veränderte Lebensumstände oder Verhaltensauffälligkeiten der Tiere die Besitzer*innen zur Abgabe ihrer Vierbeiner ans Tierheim. Die Anzahl der abgegebenen Tiere ist vergleichbar mit dem Vorjahr. Auch bei Katzen wird in naher Zukunft nur mit einem großen Zuwachs gerechnet, weil die Kittenzeit ansteht. In dieser Zeit werden aufgrund der hohen Geburtenraten jedes Jahr viele Kätzchen abgegeben.

Sorgen, dass unsere geliebten Haustiere das Virus übertragen, müssen wir uns also erst einmal keine machen. Was uns stattdessen im Hinterkopf bleiben sollte: Falsche Informationen oder Gerüchte, die nicht klar als solche gekennzeichnet werden, sind in den sozialen Medien tatsächlich ein großes Problem. In diesem Fall wurde, wie so oft, online Hass geschürt. Die Moral von der Geschicht´? Erst einmal nachdenken und die Fakten checken, bevor man etwas glaubt.

Den Text habe ich für die Junge Presse Niedersachsen geschrieben.

Beitragsbild: privat